Bettina van Haaren, 2016, Foto: Roland Baege

Biografie

1961 geboren in Krefeld

1981 - 1986 Studium der Bildenden Kunst an der Universität Mainz bei Bernd Schwering

2000 Professur für Zeichnung und Druckgraphik an der Technischen Universität Dortmund

1975 bis 2001 in Saarbrücken lebend, heute Witten

Auszeichnungen / Ausstellungen / Projekte

Preise und Stipendien

1986 Förderstipendium der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

1986 Grafik-Förderpreis, Ludwigshafen

1988 Förderpreis der Stadt Saarbrücken

1991 Albert-Weisgerber-Preis der Stadt St. Ingbert

Druckgraphik-Kunstpreis der SüdwestLB, Stuttgart

1994 Stadtdruckerpreis der Stadt Mainz

2003 Albert-Stuwe-Preis für Zeichnung, Ennigerloh

Einzelausstellungen (Auswahl):

2016 – 2017 Waldwasen durchlöchert, Städtische Galerie Tuttlingen, Kunsthalle Schweinfurt, Kunstverein Ludwigshafen (Katalog)

2015 – 2016 Senkblei, Kunstmuseum Bochum / Richard Haizmann Museum Niebüll (Katalog)

2010 Häutungen, DASA Dortmund / Städtische Galerie Neunkirchen / Europäisches Kunstforum, Berlin (Katalog)

2008 – 2010 Partikel und Membranen, Ludwig Museum Koblenz / Kunstverein Eislingen / Stadtmuseum Beckum / Kunsthalle Erfurt (Katalog)

2006/2007 Der vierte Gesang, Galerie der Stadt Backnang / Kunstverein Augsburg / Märkisches Museum Witten (Katalog)

2006 Tagebauten, Museum am Ostwall, Dortmund / Morat-Institut, Freiburg (Katalog)

2005 – 2007 Fadenstücke, Städtisches Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen / Kunstverein Dortmund / Galerie Parterre, Berlin / Richard Haizmann Museum, Niebüll (Katalog)

Künstlerisches Werk

Bettina van Haaren – Waldwasen durchlöchert

 

Abtasten der Oberfläche – Spuren des Vergänglichen

Bettina van Haaren stellt in ihren Bildern ihr Gesicht und Partien ihres Körpers in einen ungewöhnlichen Kontext aus Gegenständen und Tieren. Mit Blick auf die Kunstgeschichte könnte man sagen, es handelt sich um eine Mischung aus den beiden Genres Porträt und Stillleben. In der Tat ist Bettina van Haaren eine große Kennerin und Verehrerin der Alten Meister, und Passagen ihrer Bilder erinnern in ihrer Naturnähe und greifbaren Sinnlichkeit an die Stillleben der niederländischen Maler des Goldenen Zeitalters, die im Gegenständlichen ihre Meisterschaft und Raffinesse unter Beweis stellten. Wie diese widmet sie sich mit großer Sorgfalt der Darstellung der menschlichen Haut, die Maler seit der Renaissance als größte Herausforderung und Zeichen ihrer Virtuosität begriffen. Die fast undefinierbare, besondere Farbigkeit des Inkarnats, seine feinen Unregelmäßigkeiten und das Durchschimmern der Blutbahnen lassen den dargestellten Körper lebendig erscheinen. Täuschend echt wirken aber auch die gemalten Tierfelle, bei denen der Betrachter die Struktur und den seidigen Schimmer von wirklichem Haar auszumachen glaubt.

 

 Der Bezugsrahmen ist die künstlerische Werkstatt – in diesem Fall das Atelier in einem ehemaligen Schulhaus in Witten – mit seinem Spiegel für Selbstbildnisse und seinen Requisiten. Im Bild wird das Lebendige, also Gesicht, Körper, Früchte, so festgehalten, wie es sich zu einem bestimmten Zeitpunkt der Künstlerin präsentiert. Das Zeitliche und Vergängliche deutet sich etwa in Anzeichen des Alterns an und assoziiert Nähe zum Vanitasthema, das vor allem im Barockzeitalter ein großes Beschäftigungsfeld der Kunst darstellte. Soweit lassen sich ein paar Gemeinsamkeiten mit alten Meistern festmachen. Diese lassen umso deutlicher die Quantensprünge hervortreten, die zwischen jenen und Bettina van Haaren liegen: die Schwelle zur Moderne mit ihrer Kehrtwende ins Innere des nun autonom schaffenden Künstlers, das  20. Jahrhundert mit seiner Erkundung von Psyche und Unterbewusstsein und der Befreiung der künstlerischen Mittel, das Aufbrechen und die Aufhebung der Hierarchien im Bildraum der Jetztzeit, und nicht zuletzt die Neudefinition der Rolle der Frau. Letztere findet wie bei Louise Bourgeois und Rosemarie Trockel ihren Anklang in Textilem, das in Form von Stoff mit aufgenähten Rosenblüten aus Seide, Gestricktem, Gehäkeltem und dergleichen auf die Weiblichkeit und damit ein Stück Biographie hinweist.

 

Nichts liegt Bettina van Haaren aber ferner, als die bloße Suche nach dem schönen Schein in der Inszenierung. Vielmehr ist die nüchterne Erforschung der Welt Triebfeder ihrer künstlerischen Arbeit. Da sie zunächst ihr eigener Auftraggeber ist, nimmt diese Erkundung ihren Ausgang wie selbstverständlich bei sich und ihrem Selbstbild. Neben Bildgegenständen, die auch früheren Zeiten angehören könnten,  erscheinen bei Bettina van Haaren Dinge im Bild, die es der Jetztzeit zuweisen: etwa Kunststofffolie in ihrem kühlen Glanz, aufblasbares Spielzeug in seiner luftgefüllten Dreidimensionalität, Gummibärchen in ihrer quietschbunten Transparenz. Allesamt Dinge, die Unbehagen auslösen und dem Vanitasgedanken eine neue Prägung geben. Während bei Mensch, Tier und Pflanze klar ist, dass diese dem natürlichen Zerfall anheimgegeben sind, stellen jene in ihrer Künstlichkeit den Kreislauf der Natur in Frage. Sie stehen für eine Welt des Konsums, die unter dem Vorwand des Erhalts der Konjunktur in immer schnellerem Rhythmus Unnützes produziert und somit den Müll erhöht, der Mensch und Umwelt belastet.

 

Bruchstellen im Bildgefüge, hinein ins Weiß

Die traditionell zentralperspektivisch konstruierte Vorstellung eines geschlossenen Bildraumes unterläuft Bettina van Haaren mit einem eigenwilligen Nebeneinander verschiedener Blickwinkel. Größenverhältnisse widersprechen landläufigen Vorstellungen, was sonst nicht unbedingt zusammengehört, findet sich vereint. Hierzu passt die Feststellung des Soziologen Ulrich Beck in seinem Buch „The Metamorphosis of the World“ (Cambridge, 2016), dass die Welt aus den Fugen geraten sei und sich folglich immer mehr dem Verständnis entziehe. Dort, wo Bildelemente einander überlappen müssten, bleiben sie oft getrennt durch nicht ausgeführte Stellen, die wie Unterbrechungen sind. So entsteht die Anmutung einer Collage, die Bildelemente aus verschiedenen Quellen und Kontexten zusammenbringt. Die Dadaisten und Surrealisten haben entdeckt, welche Energien in dieser die „copy-and-paste“-Funktion des digitalen Zeitalters vorwegnehmenden Methode liegen, die der Struktur der nichtlinearen, nicht immer einer vordergründigen Logik folgenden Gedankenwelt entlehnt ist. Sowohl das Fragment in seiner semantischen Hervorhebung des Ausgeführten als auch die Leerstelle als bewusster Gegenspieler und Freiraum erhält Aufwertung und Bedeutung. In der Variation der Darstellungsformen vom altmeisterlichen Ölbild über detaillierte Zeichnung mit abstrahierenden Strukturen bis hin zur einfachen Umrisszeichnung liegt der Hinweis, dass die Dinge und die Art sie zu sehen, sich in stetem Wandel befinden, dass letztlich die Art und Weise, wie wir etwas sehen, nur eine Möglichkeitsform darstellt. Das Weiß im Bild ist formal ein markantes und konstituierendes Bildelement bei Bettina van Haaren. Es steht inhaltlich für den unerschrockenen Umgang mit dem freien Schweben im noch nicht formulierten Unbestimmten und die vorurteilsfreie Offenheit der hier vertretenen Weltsicht.

 

Jenseits der Oberfläche

Die freien Stellen und bruchstückhaften Passagen von Bildgegenständen sowie die Durchblicke legen den Gedanken nahe, dass das, was wir sehen, nur die Haut von einem eigentlichen Dahinter darstellt, welches wir nicht immer richtig zu deuten wissen. Diese Kunstgriffe machen klar, dass sich unser Blick nur auf den Oberflächen bewegt und oft dem bloßen Erscheinungsbild der Dinge erliegt. Wir sehen in diesen Bildern in jedem Fall etwas in dieser Art vorher noch nie Gesehenes, das bisweilen verstörend wirkt, zugleich aber eine Einladung an den Betrachter ist, vorgefasste Sichtweisen hinter sich zu lassen und die sichtbare Welt als  Ausgangspunkt für das Unsichtbare und Gedankliche, nämlich die tiefer liegenden philosophischen Fragen zum menschlichen Anteil an der Welt zu betrachten. Auch das Sequenzielle im Bild zielt in diese Richtung: Es fällt auf, dass immer wieder Motive zwei- oder mehrfach wiederholt werden, gestaffelt in einer Reihe oder auch in verschiedenen Ansichten übereinander. Man kann die Dinge so sehen, aber auch anders, scheint uns das Bild zu sagen, das somit die Veränderungsmöglichkeiten in Raum und Zeit gleich miteinschließt. Der Betrachter verliert buchstäblich den Boden unter den Füßen und wird in andere, traumähnliche Bewusstseinssphären versetzt. Das Motiv des mit den Händen gehaltenen Kopfes ist wie ein Hinweis auf diesen anderen Zustand, der ein Angriff auf die festgefügte Ordnung ist, mit der der Mensch sich die Welt zurechtgelegt hat, als deren kontrollierender Mittelpunkt er sich bislang empfunden hat.

 

Der Ort des Menschen, zwischen Lebewesen und Dingen

Mensch und Tier, Organisches und Anorganisches gehen in den Bildern Bettina van Haarens eine in der Ikonographie bislang ungekannte, also im buchstäblichen Sinne „ver-rückte“ Verbindung ein, die die Rolle des Menschen relativiert und uns über seine – wie auch immer geartete – Einflussnahme auf die Umwelt nachdenken lässt. Der gemeinsame Auftritt von Mensch und Tier in der Kunst Bettina van Haarens verweist auf eine längst vergangene Urzeit, die in ihren Mythen den anderen Lebewesen eine respektgebietende Rolle zuwies, die selbst die Möglichkeit von Mensch-Tier-Metamorphosen zuließ.  Während Tiere später über viele Jahrhunderte, etwa auf Herrscherbildern, in Jagdszenen und Stillleben, als Attribute für Macht und Einfluss des Menschen erscheinen oder in der über Jahrhunderte gepflegten Literaturform der Fabel ebenfalls auf den Menschen bezogen zur Charakterisierung seiner Eigenschaften herangezogen wurden, schlägt Bettina van Haaren einen neuen Weg ein. In ihren Bildern können Tiere allein in ihrer faszinierenden Beschaffenheit und frei von den ihnen traditionell zugewiesenen allegorischen „Aufgaben“ betrachtet werden. Der sich darbietende Anblick ist jedoch keineswegs ein idyllischer. Als Modelle dienen Bettina van Haaren für Ausstellungszwecke präparierte Tiere, die ihr ein zoologisches Institut zur Verfügung stellt, und insofern sind die Tiere nicht mehr lebendig. Hinzu kommt, dass die meist eher erschütternden, liegenden Posen der dargestellten Schweine und Leoparden diese wie soeben erjagt erscheinen lassen. Man kommt im Zeitalter der  Massentierhaltung und Zerstörung des natürlichen Habitats der vom Aussterben bedrohten Tierarten nicht umhin, in diesen Bildern einen engagierten Hinweis auf den Umgang mit den Mitlebewesen zu sehen. Was in den apokalyptischen Bildern etwa eines Hieronymus Bosch als eine Vision des Weltuntergangs mit viel Phantasie detailliert ausgemalt war, scheint heute schon Teil der Wirklichkeit geworden zu sein. Im Gegenteil, die durch Genmanipulation und Klonen künstlich erzeugten Hybridformen der Natur gibt es schon, und der Schritt zu den Bildwelten Bettina van Haarens, in denen vervielfachte und veränderte Körperformen und seltsam anmutende Konstellationen vorkommen, ist in der Tat klein. Insofern handelt es sich um komplexe visuelle Reflektionen und brisante Bilder unserer Zeit, an der die Künstlerin anteilnimmt. Mit der Kunstgeschichte hinter sich geht sie mit ihrer hochraffinierten Malweise einen Schritt in die Zukunft, indem sie die Mechanismen der Verdrängung offenlegt.

 

Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck

 

 

„Waldwasen durchlöchert“, 190 x 240 cm, Eitempera/Öl auf Leinwand, 2014/2015, VG Bild„Pontormos Ablage“, 2013/2014, Eitempera/Öl auf Leinwand, 190 x 240 cm, VG Bild„Verschwinden“, 2015/2016, Eitempera/Öl auf Leinwand, 190 x 240 cm, VG Bild„Herzfehler“, Eitempera/Öl auf Leinwand, 2012/2013, 110 x 80 cm, VG Bild„Flammenwerferin“, Eitempera/Öl auf Leinwand, 2012, 110 x 80 cm, VG Bild

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