KÜNSTLER

Brigitte Martin

www.brigittemartin.com

Biografie

1953 geboren in Saarbrücken, Studium Übersetzen/Dolmetschen, seit 1988 Privatstudium der Malerei, seit 1993 kontinuierliches künstlerisches Arbeiten, lebt in Saarbrücken und arbeitet in Sulzbach

Auszeichnungen / Ausstellungen / Projekte

2016 LIKE A TRANSPARENT, Gedok Karlsruhe

2015 ON FRAGILE SHEETS, Galerie Neuheisel Saarbrücken

2013 Landeskunstausstellung Saar-Art, Saarbrücken

2012 IN A READING CORNER, Gedok Karlsruhe

2012 Frauen aus weiblicher Sicht, Krasnodar, Russland

2011 GOSSIP, Galerie Kunst2, Heidelberg

2010 TALKIES, Atelier Museum Haus Ludwig, Saarlouis

2006 HOT LINES, Galerie Beck, Homburg

Künstlerisches Werk

Brigitte Martin: On fragile sheets

Einführung zur Ausstellungseröffnung, 11.06.2015, Galerie Neuheisel, Saarbrücken

Wer frühere Arbeiten von Brigitte Martin kennt, weiß, dass die Sprache für die Englisch-Übersetzerin immer eine besondere Rolle gespielt hat. Sprache wird in der Malerei der Künstlerin jedoch nicht als narratives Element eingesetzt. Brigitte Martin ist keine Illustratorin von Texten, auch interpretiert sie nicht in analytischer Weise. Vielmehr werden oftmals lyrische Sequenzen, zunächst zusammenhängende Verse aus englischen Gedichten, einer semantischen Dekonstruktion unterworfen und als freie, assoziativ wirksame Wortfolgen im Bild umkomponiert. Die Satzfolge wie auch die literarisch-lyrische Komposition geht hierbei verloren. Wortfetzen und Begriffe generieren in der Korrelation mit dem malerischen Motiv Assoziationskerne, deren Deutungshorizonte jeweils individuell durch den Betrachter erschlossen werden können.

In den Arbeiten von Brigitte Martin entwickeln sich auf verschiedenen Ebenen unterschiedliche Text- und Bildkorrelationen. Es sind dichte Gewebe, in denen eine Orientierung für den Betrachter bisweilen schwer ist, da wir in unserer Suche nach Sinnzusammenhängen beständig „springen“ – von bereits begonnen Satzfragmenten zu weiteren, von anderen Begriffen vorgegebenen Kontexten. Zum Teil sind frühere Bilder in ihrer gestischen Wildheit und ihrer scheinbaren Unkontrolliertheit, in ihrer dissonant alternierenden Farbigkeit durchaus in die Nähe der Slam Poetry anzusiedeln.

Verglichen mit dieser (früheren) Werkgruppe erscheinen die neueren, ab 2014 entstandenen Arbeiten eher gemessen, beruhigt, in der Flächen-oder Motivverteilung zum Teil klarer strukturiert – ohne dabei aber an Intensität zu verlieren.

Die veränderte formale Erscheinung ist in unterschiedlicher Weise herzuleiten. Zunächst einmal über die malerische Technik – „On fragile sheets“ – auf fragilen Flächen oder Oberflächen (wenn man das annähernd sinngemäß so übersetzen kann).

Die früheren Arbeiten von Brigitte Martin sind mit Öl, Acryl, Kreide auf Leinwand entstanden. Dabei kann man, gewissermaßen in Farbschichtungen, in Ebenen von hinten nach vorne arbeiten, kann Überlagerungen und Durchdringungen herstellen, die beim Arbeitsvorgang für die Künstlerin nachvollziehbar sichtbar bleiben.

In der jüngsten Werkgruppe haben wir es aber nun mit Malerei auf transparenter PVC-Folie zu tun. Eine Folie, wie sie eigentlich nur in der industriellen Produktion eingesetzt wird und die nicht primär im künstlerischen Kontext verwendet wird. 

Der Bildträger wird, wie bei der Hinterglasmalerei, auf der Rückseite bearbeitet. Das bedeutet für den künstlerischen Prozess ein Umdenken. Die Motive, die als vorderste erscheinen sollen, müssen zuerst aufgebracht werden, dann folgt in Schichtungen nach hinten die weitere Bildgestaltung.

Brigitte Martin erzählt dazu, dass es für Sie ein zwar aufregender, aber auch anstrengender Experimentier- und  Lernprozess war, vor allem auch deswegen, weil – das Bild liegt ja gewissermaßen auf dem Bauch – nicht unmittelbar sichtbar wird, wie sich die Malerei entwickelt. Dazu kommt, dass, wenn die Farbe – eine sehr stark verdünnte Acrylfarbe – aufgebracht ist, ein sehr langer Trocknungszeitraum einzuplanen ist, in dem die Folie nicht bewegt werden darf – sonst verschwimmt oder verwischt  alles. Eine unmittelbare Überprüfung der Bildsituation kann also nicht stattfinden – es bleibt immer eine Ungewissheit in den begrenzten Möglichkeiten von Kontrolle und Zufall.

Diese Art der Bearbeitung hat nun zur Folge, dass die Bildoberfläche glatt ist – was zunächst einmal eine ganz banale Feststellung sein mag, aber im Vergleich zu den Leinwandbildern bedeutet dies, dass das durch den Farbauftrag entstehende Oberflächenrelief entfällt und wir einer sehr vereinheitlichten Farbflächensituation gegenüberstehen, die fast schon an ein Plakat denken lässt.

Die Folien werden aber auch teilweise auf der Vorderseite gestaltet, sodass ein interessantes und bisweilen spannungsreiches Miteinander von aufglänzenden und matten Bildbereichen entsteht.

Brigitte Martin hat rund ein halbes Jahr experimentiert und getestet, bis sie für sie selbst gültige Kompositionen anerkannt hat.

Motivisch ergibt sich nun ein Schwerpunkt in landschaftlichen Anklängen oder landschaftsanalogen Darstellungen, die bisher in dieser Ausprägung noch nicht präsent waren.

Etwa die Malerei „Everyone sang“ – ein blau-dunstiges Bergpanorama, bei dem sich die Formation des Berges im Querformat des Bildes ausbreitet. Im Vordergrund die Silhouette eines weiten Gipfels mit dahinter aufsteigenden Wolken oder Nebelschwaden. Es entsteht eine tiefenräumliche Weite, in die wir als Betrachter eintauchen und die wir schauend genießen können. Durch die Bildmitte zieht sich ein geschlängeltes Lineament, das von Schrift begleitet wird:

„ Everyone’s voice was suddenly lifted … and beauty came like the setting sun“ – Zeilen aus einem Gedicht des 1886 geborenen Lyrikers Siegfried Sassoon, die einen inhaltlichen Horizont vorgeben und anhand der Linienstruktur einen Weg bezeichnen, auf dem wir als Betrachter uns in der ideelen Bildwelt bewegen. Worte, die die sehnsuchtsvolle Gestimmtheit zusätzlich aktivieren – die allerdings, wie oft bei Brigitte Martin, die Situation nicht abschließend und unverrückbar fixieren, sondern Raum lassen für die eigene Assoziationsaktivierung, lyrische Fragmente, die den Horizont mehr öffnen, als dass sie ihn verstellen.

Eine ähnliche Situation finden wir im Bild „The Song of Wandering Aengus“ – der Bildtitel ist einem Gedicht von William Butler Yeats entnommen, das im Übrigen durch Donovan als Folksong vertont wurde und hier die gleiche sehnsuchtsgeladene Melancholie transportiert, die auch Brigitte Martin verbildlicht. Eine Küstenlandschaft mit schwarzen Felsformationen, in die Zeilen aus dem Gedicht eingeschrieben sind (übersetzt): „Obwohl ich alt vom Wandern bin / durch tiefes Land und hohes Land / ich find heraus, wohin sie ging“.

Die ohnehin dunkel emotionalisierende Landschaft wird durch die Verse zusätzlich inhaltlich aufgeladen und so zu einem metaphorischen Panorama von Hoffnung und unerfüllter Liebe.

Alles bleibt unbestimmt und vage, nahezu träumerisch und gibt dabei der Dichtung von Yeats, ohne sie direkt zu illustrieren, doch eine dem Gedicht entsprechende Bildhaftigkeit.

Lassen sich die landschaftlich orientierten Darstellungen in inhaltlicher Hinsicht verhältnismäßig gut erschließen, so sind andere Arbeiten sehr viel rätselhafter – so etwa „Ulysses“, ein Bild, das sich zunächst in horizontal gelagerten Bahnen aufbaut. Am unteren Bildrand erstreckt sich ein brauntoniges Band mit wellenartigen Strukturen – wie ein Fluss, darüber eine schwarze Formation, die überfangen wird von einem hellblauen Band, das nach oben hin wieder schwarz abgeschlossen wird. In die einzelnen Bahnen sind Strukturen eingetragen, die sich uns in gegenständlicher Hinsicht nicht erschließen.

Das Bild arbeitet  so mit Durchdringungsverhältnissen, auch mit Gleichzeitigkeiten, mit der visuellen Überlagerung unterschiedlicher Geschehnishorizonte. Es geht hier nicht um ein real-statisches Raum-Verhältnis, sondern um assoziative Verknüpfung. Odysseus – das Motiv der Reise, hier sowohl erzählerisch als auch bildlich-ereignishaft verdichtet.

Oft sind die Bildgegenstände bei Brigitte Martin diffus – entweder im Werden oder im Vergehen begriffen, von einer Potenzialität, die nicht greifbar wird. Manchmal entsteht der Eindruck, es müsste eigentlich etwas passieren, es müsste eigentlich konkret werden; gerade in diesem Bereich der beunruhigenden Unbestimmtheit sind die Bilder von Brigitte Martin angesiedelt.

Der Mangel an Konkretheit erweist sich in seiner Positivierung als Fülle von Möglichkeiten, die uns Betrachtern gegeben werden, mit diesen Bildern umzugehen. Die Sprache wird vielfach initiativ für das Erschließen der malerischen Formulierung. Und in dieser Wechselwirkung von sprachlichen und bildhaften Anteilen entstehen die Malereien von Brigitte Martin.

Andreas Bayer

 

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