Raphael Maaß

KÜNSTLER

Francis Berrar

francisberrar.de

Biografie

Francis Berrar

geboren in Überherrn
1976 Matura in Wien/Österreich
1976-1981Studium an der Ecole Des Beaux Arts Nancy/ Frankreich;
Studium der Malerei bei Michel Parré,
Radierung bei Jacques Hallez

1981 Staatsdiplom an der Ecole des Beaux Arts
Tourcoing/Frankreich

1990 Arbeitsstipendium des Saarländischen Kultusministers in Olevano
Romano, Casa Baldi/Italien

1991 Arbeitsstipendium der Saarländischen Landesregierung in
Rusa/Moskau/Russland

1992 Rompreisträger und Stipendiat der Villa Massimo, Rom/Italien

2009 Kulturpreis "Kunst und Ethos" des Schnell & Steiner Verlags, Regensburg

Auszeichnungen / Ausstellungen / Projekte

Ausstellungen ( Auswahl)

2015 Spiele der Modifikation, Museum St. Wendel

2014 early this morning, Kreuzberg Pavillon, Berlin

ACCROCHAGE #3, Galerie ohne feste Bleibe, Überherrn

WAS UNS TREND, Kunstquartier Bethanien, Berlin

Let me paint your home please, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken

2013 2000+, Saarland Museum

SaarART- 10. Landeskunstausstellung, Saarland Museum

2012 Ein Fest, Saarländischer Künstlerbund, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken

2011 Im hellen Licht des Mondes, Kunstverein Dillingen im alten Schloß

WER IST WHO IS, Saarländische Galerie - Europäisches Kunstforum, Berlin

2010 step in the arena, Sonderwerkstatt Quartier Eurobahnhof Saarbrücken

2009 Die Gegenwart der Linie, Pinakothek der Moderne München

2007 Welcome to our Neighbourhood, Casino Luxembourg

Eine Nacht im kahlen Gebirge, Galerie K4 Saarbrücken

2006 First Love is deepest, Kunstverein Friedberg

Clubzone, Galerie Veronica Kautsch, Michelstadt

Arbeiten in öffentlichen Sammlungen und Museen (Auswahl):

Graphische Sammlung Kupferstichkabinett Dresden

Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart

Staatliche Graphische Sammlungen München

Graphische Sammlung der Pfalzgalerie Kaiserslautern

Saarland Museum,Saarbrücken

Luciano Bennetton Collection, Milano

Künstlerisches Werk

Christoph Wagner

Francis Berrar »Let me paint your home please«

I.

Mit ironisch-augenzwinkerndem Understatement stellt Francis Berrar mit seinem englischsprachigen Ausstellungstitel seine machtvoll abstrakten Bilder aus dem Jahre 2013 vor, und schon nach einem kurzen Augenblick ist klar, dass hier niemand um Malerei ›bittet‹, sondern ein Maler als Überzeugungstäter an die Grundlagen der Kunst geht. Aus der Gegenwart des 21. Jahrhunderts heraus könnte man glauben, dass die Geschichte der Malerei schon in allen Narrativen und medialen Dispositiven entfaltet, durchkonjugiert, ja zu Ende ›erzählt‹, oder gar – wie auch schon behauptet wurde – ›zu Ende gemalt‹ worden ist. Es war dies eine Erzählung von ›Entdeckungen‹, von ›Fortschritten‹, Brüchen und Polaritäten, von ›Mimesis‹ und ›Abstraktion‹, eine Geschichte von hechelnd einander belauernden Avantgardebewegungen und atemlos agierenden künstlerischen Protagonisten, die auch schon alle Formen ihrer ironischen Brechungen und Negation hinter sich gelassen zu haben scheint. Was kommt jenseits dieser Epoche der Kunst, für die man schon das ›Ende der Malerei‹ prophezeit und das ›Ende der Kunstgeschichte‹ ausgerufen hat? Versucht man alle diese Narrative der Kunst und Kunstgeschichte abzulegen, zum gemalten Bild als tabula rasa einer elementaren Phantasietätigkeit und eines ursprünglichen Gestaltungsdrangs des Menschen vorzudringen, kommt man zu den ältesten Erzählungen über die Anfänge und die Grundlagen der Kunst. Es ist der Ort, zu dem uns Francis Berrar in der Anschauung seiner Bilder auf überraschende Weise führt.

II.

Allzu leicht vergißt man über den fortschrittsgeschichtlichen Legenden zur Entstehungsgeschichte der Abstraktion auf dem Boden der Avantgardebewegungen im 20. Jahrhundert, dass die Abwendung von einem einfachen Mimesisanspruch der Malerei keineswegs ausschließlich dem Besitzstand der Moderne zuzurechnen ist, sondern so alt ist wie die Kunst selbst. Ob es das legendäre »O Giottos« ist, der vollkommene Kreis, den Giotto Ende des 13. Jahrhunderts zur Überraschung der Abgesandten des Papstes freihändig als Probe seiner Kunst ebenmäßiger als mit jedem Zirkel zeichnete, oder ob es die Erzählung des Plinius‘ über den künstlerischen Wettstreit zwischen den antiken Malern Apelles und Protogenes ist, beide Mal wird diese Probe der Kunst auf dem Feld abstrakter Gestaltungsmöglichkeiten ausgetragen. Während jedes Schulkind die Geschichte von den gemalten Trauben des Zeuxis kennt, die täuschend echt gemalt selbst die Vögel zu täuschen vermochten, vielleicht auch noch die Erzählung vom nicht weniger illusionistisch gemalten Vorhang des mit Zeuxis wetteifernden Malers Parrhasios, ist einer der ältesten Gründungsmythen der abstrakten Kunst in Plinius‘ Naturkunde erstaunlicherweise kaum im kollektiven Gedächtnis verankert.

III.

Mit Blick auf die antiken Maler Protogenes und Apelles berichtet Plinius in seiner Naturalis Historiae folgende Begebenheit: Apelles sei einst auf Rhodos gelandet, »begierig die Werke« des dort lebenden Protogenes zu sehen: 

Sofort »begab er [Apelles] sich […] in dessen Werkstätte. Der Künstler [Protogenes] selbst war abwesend, eine alte Frau aber bewachte eine auf seiner Staffelei stehende Tafel von beachtlicher Größe, die für das Malen zurechtgemacht war. [Die Frau] gab Bescheid, Protogenes sei fortgegangen, und fragte, wen sie als Besucher nennen solle. ›Diesen‹ sagte Apelles, nahm einen Pinsel und zog mit Farbe eine farbige Linie höchster Feinheit über die Tafel. Nachdem Protogenes zurückgekehrt war, berichtete ihm die alte Frau, was sich ereignet hatte. Man erzählt, der Künstler habe die Feinheit [der Linie] betrachtet und sogleich gesagt, Apelles sei gekommen, eine so vollendete Leistung passe zu keinem anderen; dann habe er selbst mit einer anderen Farbe eine noch feinere Linie in jene gezogen und beim Weggehen den Auftrag gegeben, wenn Apelles wiederkomme, solle sie ihm diese zeigen und hinzufügen, der sei es, den er suche. Und so traf es ein. Denn Apelles kehrte zurück und, beschämt, besiegt worden zu sein, durchzog er mit einer dritten Farbe die Linien, so daß für etwas noch Feineres kein Platz mehr war. Protogenes bekannte sich als besiegt und eilte zum Hafen, um seinen Gast zu suchen; man beschloß, die Tafel so der Nachwelt zu überliefern, zum ehrfürchtigen Staunen aller, besonders aber der Künstler.«

Plinius setzt nahezu eine ganze Seite daran, diese Begebenheit in allen Einzelheiten zu erzählen und damit ein Narrativ der Kunst einzuführen, das weit über eine Künstlerlegende hinaus als Paradigma der Kunst selbst zu lesen ist: Diese zur Malerei vorbereitete, leere, lediglich mit drei farbigen abstrakten Linien besetzte Bildtafel ist für ihn ein ›opus absolutum‹, zugleich ist es das erste abstrakte Bild, das uns in den schriftlichen Quellen der Kunstgeschichte überliefert ist: 

„sie [die Tafel] enthielt auf einer großen Fläche nichts anderes als kaum sichtbare Linien; unter den herrlichen Werken vieler Künstler war sie gleichsam leer, lockte aber gerade darum an und war berühmter als jedes andere Kunstwerk.“ –

IV.

Damit sind wir in dem elementaren Gestaltungsbereich angekommen, in den uns Francis Berrar mit seiner Malerei entführt: Gleichmäßig überziehen – in Gemälden wie ESPARGOS I-II oder Raumspekulation V – farbige, mit dem Pinsel über die Leinwand gezogene geometrische Lineaturen seine Bilder, mal farbgesättigt, mal dünner werdend, mal mit frisch aufgenommener Farbe neu ansetzend und doch stets die Bildfläche als ganzes überquerend, so wie ein Pflug seine Furchen in einen Acker zieht. In der parallelen Ausrichtung geometrisch streng geführt und doch überall von der Bewegung der Hand geleitet tritt diese Spur eines elementaren Malprozesses in die vielfältigsten Figur-Grund-Beziehungen mit den anderen Elementen der Malerei: Im Spannungsfeld zwischen Planimetrie und Raumfiktion entstehen Spielräume für neue Wahrnehmungen, die vom malerischen Prozess gesteuert sind. Schwarze Schattenflächen löschen in Bildern wie VOLCANO oder UNKNOWN PLEASURES I partiell das Sichtbare, formen kubisch plastische Gebilde oder werden selbst von den Lineaturen überfangen. Farbige Fläche lassen – wie in den Werken Einzelfall oder Reizreaktion – irisierende Überlagerungen mit den farbigen Lineaturen entstehen, die lichthaft den Kontrast der anschaulichen Konstellationen befeuern. Farbschichten schimmern durch die flächigen Farbgründe partiell hindurch, bilden subkutane Erinnerungsschichten, Sedimente, die auf vielschichtige Weise mit den Lineaturen farbgesättigter Pinselzüge interagieren. Farbe, Linie, Licht, Dunkel, Form und Raum, alle elementaren Gestaltungsgrößen der Kunst scheinen in dieser elementaren Malerei aus dem malerischen Prozess je einzeln neu hervorzugehen. 

Die in den Bildern entstehenden Konstellationen wirken einmal wie lebendig gewordene, gelegentlich gestisch ausgreifende farbige Schattenbilder – so in Gemälden wie AFTER THE RAIN I, UNKNOWN PLEASURES I –, einmal wie die perspektivische Matrix eines Kraftfeldes, in dem sich kubische Gegenstände abzeichnen wie in UNKNOWN PLEASURES II, einmal wie die perspektivisch fokussierte Macht eines strahlenförmig entschwindenden Raumes (CONTROL, ganz Panikfrei I-II), einmal wie klappbildartig geöffnete Ausblicke auf neue Realitätsbereiche der Malerei (Marques, Raumspekulation I). Virtuelle Bildräume öffnen sich. Aus visuellen Bruchstücken schafft sich Francis Berrar sein Experimentierfeld, um das ›gemalte Bild‹ als experimentelles Medium neu zu definieren. Francis Berrar gibt keine fixierten Gegenstände wieder, sondern anschauliche Prozesse, in denen sich dingliche Anspielungen abzeichnen. Malerei erkundet er Bild für Bild als einen lebendigen Ort der Wirklichkeitserfahrung und der elementaren künstlerischen Recherche.

V.

Blickt man auf die große künstlerische Entwicklung im malerischen Œuvre von Francis Berrar zurück, so staunt man über die Vielfalt, die Konsequenz und gleichzeitig die Vitalität, mit der Berrar seine Leitthemen und Leitmotive jeweils in neuer malerischer Formen weitertreibt. Schon früh hat Berrar z.B. mit künstlerischen Strategien experimentiert, den individuellen Ausdruck der malenden Hand partiell zu konterkarieren, indem er in den 1990er Jahren Lineaturen mit Bastfäden auf die Leinwand aufstickte, mit Blaupapier durchpauste oder mit Haaren auf dem Bildgrund applizierte. Später hat er – wie in seinem großartigen, seit dem Jahr 2000 entstandenen, Zeichnungszyklus Final Home die Möglichkeiten der technischen Reproduktion, des Medienwechsels und Medientransfers systematisch erkundet, indem er Vorgefundenes, Fragmentarisches, Bruchstücke einer Welt des Reproduzierten oder aber auch seine eigenen Arbeiten mit Hilfe eines Laserkopierers oder der Collagetechnik in seine Zeichnungen integrierte. In seinen Gemälden aus den Jahren von 2007 bis 2009 hat Francis Berrar dann mit seinen sogenannten frames, in den sich öffnenden und einander überlagernden Rahmenbildungen, die mediale Konkurrenz zu den Bildern im Internet malerisch erkundet. In diese frames und die durch sie gebildeten zeichnerischen Verdichtungen lagerte Francis Berrar leuchtschriftartige Worte ein, die kontrapunktisch zu den farbig delikaten Farbflächen aufscheinen. Schriftzüge wie STRAIGTH, Porncity oder Abuse werden von der abstrakten Malerei bedrängt, überlagert, überschrieben, gelegentlich auch im bewusst roh gehaltene Medium der Malerei gelöscht. Elementare Materialtexturen aus farbigen Lack- und Acrylflächen stehen gegen die Gitterstrukturen der sich überlagernden frames. In den Arbeiten seit 2010 sind die Bildstrukturen nun abstrakter geworden, zugleich ist der Fokus in neuer Form auf die malerische Arbeit an den elementaren Strukturen der Malerei selbst verlegt.

VI.

Die Geschichte mit Apelles lehrt, dass das anschauliche Staunen über die elementarsten künstlerischen Vorgänge nicht nur so alt ist wie die Malerei selbst, sondern vielleicht die wichtigste, da elementarste Voraussetzung jeder Malerei ist. Die Malerei von Francis Berrar ist eine Einladung, sich auf dieses anschauliche Staunen in neuer Form einzulassen. Schauend trifft man hier auf eine herrlich unverbrauchte, elementare Kunst, die mit jedem Pinselzug in das Abenteuer der Malerei neu aufzubrechen scheint.              

Christoph Wagner (Regensburg)

Giorgio Vasari, Le vite de' più eccellenti pittori, scultori ed architettori...(1550/1568), hrsg. von G. Milanesi [1878-1881], Nachdruck der Ausgabe Florenz 1906, hrsg. von P. Barocchi, Florenz 1981, Bd. 1, S. 383ff.

C. Plinius Secundus d. Ä., Naturkunde. Lateinisch - deutsch. Buch XXXV: Farben, Malerei, Plastik, hrsg. und übers. von Roderich König, Darmstadt 1997, S. 56ff.

Ebd., S. 68.

Ebd., S. 69.

 

 

dark side, 2017, 190 X 140, Acryl und Öl auf LW,(C)VG BILD-Kunst, Bonnmooning XX/29, 2016, 180 X 120, Acryl und Öl auf LW,(C) VG BILD-Kunst, Bonncapture, 2017, 180 X 120, Acryl und Öl auf LW, (C) VG BILD-Kunst, Bonnmooning XXI/17, 2016, 180 X 120, Acryl und Öl auf LW, (C) VG BILD-Kunst, Bonnextraction, 2017, 180 x 120, Acryl und Öl auf LW , (C) VG BILD-Kunst, Bonn

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