Katharina Krenkel und Jakobsschafe bei der Arbeit. Foto: Rich Serra - www.rich-serra.de

Biografie

1966
geboren in Buenos Aires, aufgewachsen in Stuttgart

1986
Hochschulreife

1987-1993
Interdisziplinäres Studium an der Hochschule der Bildenden Künste Saar, Grundlehre bei Oskar Hohlweck

1993
Diplom in Kommunikationsdesign

seit 89 als freischaffende Künstlerin tätig
Mutter von 4 Kindern
lebt und arbeitet in Köllerbach

Auszeichnungen / Ausstellungen / Projekte

2016
hart & weich - Landtag des Saarlandes, Saarbrücken (E) (K)
Maschenprobe - Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Stuttgart Hohenheim (E)
Rosa & Hellblau, FrauenGenderBibliothek Saar, Saarbrücken (E)

2015
Fuchs & Hase - Kulturverein Burbach (E)
Second Life: Unsterblich als Kunstwerk, Kunstmuseum Albstadt
Es war einmal... - Galerie im Kornhauskeller, Kunststiftung Pro Arte, Ulm (E)
Neuland - Reiseskizzen und Reiseerinnerungen, Galerie Albstadt
DIE TEXTILE - Festival für textile Kunst, Schmallenberg (Installationen im Außenraum, Häkelperformance und Ausstellung in der Orangerie und in der Alten Mühle im Lennepark)
Häkellabor - Tuchmacher Museum, Bramsche (E) (K)

2014
WE CAN MAKE IT - Neuerwerbungen der Galerie Albstadt
Häkellabor - Museum Tuch + Technik, Neumünster (E) (K)
Häkelkosmos - Deutsches Textilmuseum Krefeld
PASSWORT 3 - Zeichenausstellung/Wettbewerb, Handwerksforum, Kassel
Crocher en Plein Air - Botanischer Garten + Botanisches Museum Dahlem, Berlin (E)
Vier Elemente: Das Wasser, Kloster Weingarten


2013
Trauerarbeit - Ludwigshafener Kunstverein, Ludwigshafen/Rhein
Schöpfungsgeschichte - 2. Versuch, eine gehäkelte Ausstellung, Museum Beckum,
Beckum/Westfalen (E) (K)
Kunst privat - Hessische Unternehmen zeigen ihre Kunstsammlungen, Offenbach


2012
Kunst privat - Hessische Unternehmen zeigen ihre Kunstsammlungen, Sammlung Etage 3, Offenbach


2011
Wasser - Ein wanderndes und wachsendes Altartuch, Wanderausstellung durch verschiedene Kirchen im Saarland (E)
Schöpfungsgeschichte - 2. Versuch, eine gehäkelte Ausstellung, Heyne Kunstfabrik,
Offenbach/Main (E) (K)
Frauenwelten - Eine Ausstellung zum Weltfrauentag, Saarbrücken

2010
S.O.S - Save our Souls - Rettungsringe im Kirchenschiff
Eine gehäkelte Installation in der Johanneskirche, Saarbrücken (E)
S.O.S - Save our Souls - Rettungsringe im Kirchenschiff
Eine gehäkelte Installation in der Stadtkirche, St. Wendel (E)
Knochenarbeit - eine Waschperformance, Wiese bei Tailfingen

2009
Schöpfungsgeschichte, Maschenmuseum Tailfingen, Albstadt (E)
20 Jahre Kulturbesitz Kreis St. Wendel, Bosener Mühle, Bosen (K)
Die Kunst muß raus in die Welt, aw-magazin, Saarbrücken (E)

2008
Im Alchimielabor, Kulturzentrum Bosener Mühle, Bosen(K)

2007
Gesteinsformation, CIGL, Schifflange Luxembourg (K)
Fifty Fifty, Kunsttempel, Kassel
Knochenarbeit- Waschperformance, Kulturfabrik, Esch sur Alzette Luxembourg

2006
Krenkel & Himmel: gewollt und gebucht, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken(E) (K)
Alles Fußball-oder was?, Museum St. Wendel, St. Wendel (K)
Vorsicht Heiß!, Museum Abtei Liesborn, Wadersloh
Zeit-Häkelperformance, Kulturfabrik, Esch sur Alzette Luxembourg

2005
mit haut und haar, Kunsttempel, Kassel
Wollknäuel und andere Planeten, G.B.Kunst, Trier (E)

2004
Postalisch, Saaländisches Künstlerhaus,Saarbrücken Wanderausstellung (K)
Schlüpfrig-von Liebestötern und anderen Lustbarkeiten, Maschenmuseum, Albstadt

2003
Zeit-Häkelperformance,Peterstrasse 14;Tag des offenen Denkmals, Görlitz
kleinkariert und großgemustert, Kunsthaus Kaufbeuren, Kaufbeuren (K)
Katharina Krenkel: Die Welt in Heimarbeit / O.W.Himmel: Daheim im Archiv
Museum St. Wendel, St. Wendel(E) (K)

2002
STOFF-Malerei Plastik Installationen, Galerie Albstadt, Albstadt (K)
Jacke wie Hose, Vestischer Künstlerbund, Recklinghausen (K)
handvollkunst, Handwerkskammer Kassel, Kassel

2001
Zeitgenössische Saarländische Kunst, Landeszentralbenk Rheinland-Pfalz, Mainz

2000
Aktion 'Halsschmerz', Deutscher Pavillon, EXPO Hannover
Kunstszene Saar-Visionen 2000, Museum St. Ingbert, St. Ingbert (K)
Kunst-Bau, Landeszentralband des Saarlandes, Saarbrücken (K)

1999
Gehäkelt mit Bouclé Ultra, Kunst im Pavillon, Ottweiler (E) (K)
Brust-Lust-Frust, Frauenmuseum, Bonn (K)
Kunst im Kasten, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken (K)

1998
Heim, Herd & Hunde, Museum Illingen, Illingen (E) (K)
Illustrierte Geschichten, Treppengalerie, Merchweiler (E)
BBK Jahresausstellung, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken

1997
Lessak-Andenken, Kunstbalkon, Kassel

1996
Sonntagsausflug (Performance) bei Auto, Aktionsraum LKW-Werkstatt , Ludwigshafen
BBK-Jahresausstellung, Saarländisches Künstlerhaus, Saarbrücken

1994
Krenkel & Himmel: Nackt in Mannheim, Heart Gallery, Mannheim (E)
Muttermal, Heart Gallery, Mannheim (K)

1993
Gestaltung der Herbstschrift 93 des Steirischen Herbstes, Graz

1992
Krenkelbunt, Treppengelerie, Merchweiler (E)
Göttinnen, Aktionsraum LKW-Werkstatt, Ludwigshafen

1991
Skulpturen, Objekte, Installationen, Museum St. Wendel, St. Wendel (K)
Kunst-Szene-Saar (Landeskunstausstellung), Saarlandmuseum, Saarbrücken (K)

1990
Jugend Gestaltet,Sonderschau der Internat. Handwerkermesse, München, (K)

1989
Kunst-Szene-Saar (Landeskunstausstellung), Bürgerhaus Neunkirchen, Neunkirchen (K)

(E) = Einzelausstellung (K) = Katalog

Künstlerisches Werk

Katharina Krenkel
Verzwickte Maschen

Ferien in einem französischen Badeort, irgendwann in den 60er Jahren... Ein kleiner Junge spielt mit seinen Freunden am Meer. Nicht unbedingt ein reines Vergnügen, denn der Kleine trägt gehäkelte Wollbadehosen... und das heißt: Sand im Schritt und immer nasse, salzige Wolle auf der Haut. Es ist die Initiationsszene aus dem Film „Der Mann der Friseuse“, in denen der Ich-Erzähler Antoine seine ersten erotischen Gefühle beschreibt... wie die kratzige Badehose ihm den eigenen Körper bewusst und seine erwachende Männlichkeit spürbar macht.
Dass Gehäkeltes derart verstörende und sinnliche Reize auslösen kann, weiß auch Katharina Krenkel - eine Künstlerin, die sich mit Wolle auskennt. Sie beschäftigt sich seit Beginn ihrer Karriere in den 1990er Jahren mit dem Häkeln als einem Verfahren, dem Körperlichkeit quasi eingeschrieben ist. Masche für Masche lässt sie Skulpturen und Objekte entstehen, die in einem engen Bezug zum menschlichen Körper stehen. In ihren ersten Arbeiten entwickelte sie Soft Sculptures zum Überziehen, wie die „Mösenhöschen“ (1993) oder die Tagesdecke „Busen der Natur“ (1994), in denen sie die Doppelmoral ländlicher Mädchenerziehung durch brave Handarbeit humorvoll aufs Korn nimmt.
Und auch in ihrer aktuellen Ausstellung im Landtag begegnen wir Skulpturen, die an diese künstlerischen Lösungen anknüpfen. Hier präsentiert Krenkel uns zwei übergroße Hohlformen aus hautfarbenen Häkelmaschen – zwei Schlüpfer, die aus Omas Wäscheschrank stammen könnten, und die wie die leibgewordene Erfahrung des jungen Antoine im Raum hängen – tückischerweise im einen Fall innen, im anderen Fall außen mit Rosendornen besetzt, aber dazu angelegt, alles andere als erotische Phantasien heraufzubeschwören. Vielmehr gemahnen diese Skulpturen uns eher an die schmerzhaften Seiten der Lust, als an ihre Erfüllung. Oder vielleicht auch an die vielen kleinen Gemeinheiten, mit denen zu früheren Zeiten versucht wurde, lustvolles Empfinden zu vereiteln.
Ihre ersten „Schlüpfer“ schuf Katharina Krenkel 1997. Auch sie aus hautfarbener Stretchbaumwolle gehäkelt, doch über Rheinkiesel gezogen und als abstrakte Skulpturengruppe arrangiert. In dieser Phase entstand auch „Die Mama“, eine gleichfalls aus fleischfarbener Baumwolle gehäkelte Ganzfigur, mit naturalistischen Details, wie Brüsten, Babybauch und zugestöpseltem Geschlecht – eine leere Hülle, die zu allem Übel auch noch auf einem Hackklotz präsentiert war. So formuliert die Künstlerin das Muttersein als durchaus fragwürdige Erfahrung: in seiner Weichheit, Hingabe und Wärme erscheint der mütterliche Körper zugleich ausgelutscht, nach überstandener Geburt ein trauriges Objekt, das seine Schuldigkeit getan hat. Die Überbleibsel gegenwärtig im anschmiegsamen, weichen Baumwollmaterial, das den Charakter dieser frühen Arbeiten prägt:
„Startpunkt war ein Restposten fleischfarbener Stretchwolle (Baumwolle mit eingesponnenem Elastikfaden) aus dem Pleitegeiermarkt, Ludwigshafen, und eine Modenschau, bei der für das männliche Publikum die Busen und Pos der Models nicht im Vordergrund stehen sollten: 2 Knäblein hüpfen in kurzen Hemdchen bei Vogelgezwitscher über den Laufsteg, als 3 Frauen auftauchen. Diese entpuppen sich als Exhibitionistinnen, lupfen ihre Röcke [und zeigen ihre „Mösenhöschen“], worauf die Jungs kreischend von der Bühne kippen.“  
Diese Aktion erinnert nicht von ungefähr an die Objekte und Performances der amerikanischen Bildhauerin Louise Bourgeois (1911 – 2010), die bereits Ende der 70er Jahre mit provokativen Latex-Skulpturen Furore machte, in denen sie sich mit tabuisierten Körperteilen und Geschlechterverschiebungen auseinandersetzte. Zu ihren berühmtesten Werken zählt in diesem Zusammenhang „La Fillette“ (1968), ein übergroßer Latex-Phallus, den sie auf einer Fotografie von Robert Mapplethorpe wie ein Baby im Arm hält. In ihrer Performance „Banquet – A Fashion Show of Body Parts“ (1978) ließ Bourgeois dieses Spiel mit Geschlechtsidentitäten vor und mit dem Publikum stattfinden, indem sie die Vertreter der New Yorker Kunstszene in Kostüme steckte, die mit übergroßen Nachbildungen von Brüsten und Geschlechtsteilen besetzt waren. „Bourgeois lieferte mit ihrer Installation einen ‚Laufsteg‘, auf dem sich die Akteure in ihren verschiedenen sexuellen Rollen präsentierten und diese parodierten [...]“ Diese Auseinandersetzung zieht sich wie ein roter Faden durch Bourgeois‘ Werk und äußerte sich in späteren Jahren auch in Form von hautfarbenen Stoffskulpturen, in denen sie die Verfremdung und Vernähung männlicher und weiblicher Körper weiterverfolgte.

Die Verwendung weicher Materialien, wie Stoff und Wolle, Filz und anderer textiler Gewebe stieß erstmals in den 1970er Jahren auf gesteigertes Interesse in der Kunst, als vorallem junge Künstlerinnen begannen mit neuen Materialien, Techniken und Stilmitteln zu experimentierten, um die bis dahin geforderte Trennung zwischen Kunst und Alltagsrealität zu überwinden. Dabei ging es darum, dem klassischen bildhauerischen Vokabular aus ‚bildwürdigen‘ Werkstoffen, wie Marmor, Stahl, Bronze oder auch Holz eine eigene Bildsprache entgegenzusetzen, die spezifisch weiblichen Körpererfahrungen (Menstruation, Sexualität, Geburt, u.a.) Ausdruck geben konnte. Zugleich wurden diese ‚armen‘ Materialien und Produktionsweisen (Sticken, Häkeln, Nähen, Stricken) bewusst dazu herangezogen, den verschiedenen Bedingungen weiblicher Kunstproduktion gerecht zu werden. Ohne den Luxus eines geräumigen Ateliers, ohne die finanziellen Mittel für teuere Werkstoffe, ohne die ausreichende Zeit für aufwändige Produktionsverfahren haben Frauen Kunst gemacht und sich für diese Medien entschieden, weil sie ihrer Lebensrealität näher waren, als die künstlerischen Ausdrucksmittel sogenannter ‚Hoher Kunst‘. Nicht zuletzt aber war die Entscheidung für diese neuen bildnerischen Mittel Ausdruck der Kritik an den autoritären Konzepten der Moderne, deren überkommene Werte und Hierarchien den gesellschaftspolitischen Veränderungen der westlichen Welt nicht länger entsprechen konnten. Judy Chicago, Harmony Hammond und Louise Bourgeois in den USA, Rosemarie Trockel, Tracey Emin und Annette Messager in Europa gehören zu den bekanntesten Vertreterinnen dieser Bewegung mit ihrer Hinwendung zu introspektiven, feministischen, am Individuum wie an sozialpolitisch orientierten Themen.

Krenkels körperbezogene Arbeiten knüpfen unmittelbar an diese Tendenzen an, indem sie nicht nur die inhaltliche, sondern auch die formale Auseinandersetzung in der Darstellung von Körperteilen suchen. Wie Körperzellen, wie Haar und Haut wachsen die gehäkelten Körper unter ihren Händen zu Skulpturen. Bei ihren „NacktKörperanzügen“ zur Geschlechtsumwandlung arbeitete die Künstlerin in den 90er Jahren mit direkten Körperbezügen, bis sie diese in ihren aktuellen Werken wieder aufgreift. So sind auch die für diese Ausstellung entstandenen „Glückskekse“, die von der Künstlerin in eine Euro-Gitterbox gepackt wurden, in diesem Zusammenhang zu sehen. Es sind organische Rundungen, die Krenkel aus Trikotstoff in unterschiedlichen Hautfarben gehäkelt hat. Auch sie spielen mit assoziativen Körperformen, die ihre Weiblichkeit nicht verleugnen. Dabei ergibt sich eine interessante Parallele zu den frühen Arbeiten von Hannah Wilke (1940 – 93), die mit ihren Vaginal-Skulpturen und -Installationen in Keramik, Gummi und Latex in der Kunstwelt Aufmerksamkeit erregte. Während Wilkes Abstraktionen viel von ihrer assoziativen Kraft aus dem organischen Material bezogen, aus dem sie geformt waren, geht Krenkel den umgekehrten Weg. Bemerkenswert ist dabei, dass die Künstlerin in aktuellen Arbeiten, wie den „Glückskeksen“, einen deutlich höheren Abstraktionsgrad anstrebt. Ihr Erscheinungsbild ist zutiefst künstlich – handgearbeitet! Jede der gehäkelten Maschen lässt deutlich werden, was und wie hier „konstruiert“ wurde. Es geht nicht um Nachahmung und schon gar nicht um eine mimetische Illusion. Krenkel verlässt den Bereich allzu naturalistischer Darstellung schon allein durch die Größe, in der sie ihre gehäkelten Objekte umsetzt. Dadurch erhalten sie eine deutlich skulpturalere Qualität, die über jede ursprüngliche Funktion hinausweist. So erfahren wir auch die dornenbespickte Unterhose nicht mehr als Kleidungsstück, sondern als abstrakte Skulptur, die schon deshalb irritiert, weil sie uns als übergroßes, hängendes Gebilde präsentiert wird.
Für Krenkel spielt dabei die Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Materialien eine entscheidende Rolle, wie sie gerade in ihren aktuellen Werken zum Ausdruck kommt. Es sind Experimente mit Abfallprodukten aus der industriellen Produkten, wie Müllsäcke, Absperrbänder und Dichtungsgummis, oder eben auch Reste aus der Textilindustrie, wie die hautfarbenen Trikotstoffe, aus denen die Künstlerin ihre jüngsten Skulpturen gefertigt hat.
Dahinter stecken inhaltliche Beweggründe, denn Krenkel „häkelt demnach mit Material, das nicht neutral ist, sondern selbst Information transportiert. Das Medium Faden kann hier im übertragenen Sinne als Träger einer Art künstlerischen Nukleinsäure (DNA) verstanden werden, womit sich der Bezug zur Biologie sogar auf die molekulare Ebene ausweitet.“

Neben dem menschlichen Körper sind es die vier Elemente, die sie bereits seit Jahren thematisch umkreist und die auch im Landtag in Form verschiedener Installationen präsent sind. Die „Luft“ begegnet uns hier in Gestalt einer raumgreifenden, aus weißer Baumwolle gehäkelten Wolke, die in eine Gitterbox gequetscht wurde. „Sie erinnert in ihrer Weichheit und weißen Reinheit an ein frisches, sauberes Kopfkissen und nimmt somit Bezug zur Herkunft und zu den alltäglichen Assoziationen des Textilen“. Ihr gegenüber erscheint das „Wasser“ als Ansammlung blauer Kugeln in unterschiedlichen Größen, gehäkelt aus zerschnittenen Plastikmüllsäcken. Wie die „Wolke“ setzt die Künstlerin auch die organisch anmutenden Blasen in bewussten Kontrast zur rohen Gitterstruktur der Metallkästen, in denen die Wasserkugeln gefangen sind. Und selbst die „Flammen“ – einzelne, in sich gewundene Körper aus rot-weißem Absperrband, scheinen in den Gitterboxen eingesperrt, aber nicht wirklich unschädlich gemacht. Ob die Gefahr damit gebannt ist, lässt auch das Absperrband offen, das in dieser Form eine neue Bedeutung erhält. Es ist eine Verwandlung industrieller Werkstoffe in Objekte aus der „Natur“ oder die Transformation unbelebter, synthetischer Materie in „Leben“.

Ganz besonders lebhaften Ausdruck findet diese Beschäftigung mit dem Organischen in Krenkels Werkgruppe des „Ungeziefers“, die Barbara Weyand als „große, überdimensionierte silberne Wesen“ beschreibt, orientiert „an Vorbildern in der Natur, an Spinnenläufern, Tausendfüßlern, Asseln und Skolopendern“, die schließlich durch ihre maßstäbliche Veränderung „wie die erschreckenden und bedrohlichen Erzeugnisse aus dem Labor eines Dr. Frankenstein oder wie Wiedergänger aus einem längst vergangenen Erdzeitalter“ erscheinen.
In dem Moment aber, in dem Werke, wie das mehrteilige „Leben“ in dieser Ausstellung, Gefahr laufen, sich in allzu naturalistischer Kleinteiligkeit zu verlieren, erweisen sich die Krabbeltiere und amorphen Formen, die Krenkel als „Ungeziefer“ in die Welt (oder, wie hier, in eine Gitterbox) gesetzt hat, als Objekte, die ganz subtil mit dem spielen, was wir als ‚Abjekt‘ erfahren – organisches Leben, das uns bedrohlich, abstoßend, oder zumindest unbehaglich vorkommt. Die metallisch glänzende Oberfläche des „Ungeziefers“ entsteht aus einer Lackierung, mit der die Künstlerin dem weichen Wollmaterial den Garaus macht und anschmiegsames Tierhaar in einen chitinartigen Panzer verwandelt.

Krenkels Objekte bewegen sich immer auf diesem schmalen Grat zwischen heimeligen, puppenhaften Erscheinungen und rätselhaften Formen, denen wir nicht wirklich über den Weg trauen können. Auf den ersten Blick täuscht uns ihr kunsthandwerklicher Charakter und nimmt uns für sie ein, doch bei näherer Betrachtung müssen wir erkennen, dass der „Schlüpfer“ Stacheln besitzt und sich das gehäkelte Äußere des „Ohrwurms“ keineswegs als weiches Schmusepolster, sondern als harte Schale erweist, die sehr viel mehr mit einem Panzer, als mit einem Kissen gemein hat. Und auch das hübsche Über- und Nebeneinander der dekorativen blauen Wasserbälle erweist sich als trügerisch, wenn wir wissen, dass es Mülltüten sind, welche die Künstlerin hier zu Wassertropfen verarbeitet hat, (und mit denen die Menschheit ihrerseits dabei ist die Fauna der Weltmeere zu zerstören).

In diesem Sinne dienen Krenkels Häkelverfahren auch der Erforschung von Materialeigenschaften. Das heißt, nachdem sie sich über viele Jahre dem Materialverhalten von Wolle gewidmet hat, richtet sich ihr aktuelles Forschungsinteresse auf industrielle Materialien, wie Videotape, Absperrband, Metalldraht, Plastiktüten und Dichtungsgummi. Auf diesem Weg stößt die Künstlerin mit ihrer Serie „Matrix“ noch weiter in den Raum vor, indem sie an den Wänden und an der Decke verspannte grobmaschige Matten aus Gummi installiert. Wie Netze dehnen und strecken sie sich zu lichtdurchlässigen, abstrakten Objekten, minimalistischen Skulpturen, deren Rohmaterial der Autoindustrie entstammt. Es ist Isoliergummi, der von Krenkel zweckentfremdet und so verarbeitet wird, dass letztlich nur noch der Geruch auf seine eigentliche Herkunft verweist. Dahinter steht ein direkter Bezug zur Industrie vor Ort, denn Krenkel bezieht ihr Material für diese Arbeiten von einem saarländischen Autozulieferer. Und auch sonst sucht die Künstlerin die Auseinandersetzung mit den Besonderheiten des Saarlandes, seiner Montanindustrie mit ihren Bergehalden, Gruben und Steinbrüchen. Letztere hat Krenkel in einer eigenen Serie porträtiert, in minimalistischen Fadenzeichnungen und großformatigen Linoldruckpanoramen (150 x 200 cm) des „Großen Horst“, einem riesigen Steinbruch im saarländischen Schmelz. Daraus sind  sogenannte ‚Weißlinienschnitte‘ entstanden, also überwiegend schwarze Drucke, aus denen die Künstlerin ein Netz aus filigranen weißen Linien herausgeschnitten hat. In diesen Darstellungen erscheint der ‚Steinbruch‘ als textil anmutendes Faden- und Liniengewirr, das aufgrund seines Überformats mit einer Straßenwalze gedruckt werden musste.

Die Materialwahl und die Veränderung der Größenverhältnisse sind Krenkels entscheidende künstlerische Verfahren, mit denen sie den Abstraktionsgrad steigert und damit die künstlerische Eigenständigkeit ihrer scheinbar „kunsthandwerklichen“ Motivwelt. Wo ihre Körperdarstellungen in den 90er Jahren noch menschlichen Dimensionen verpflichtet waren, hat sie sich in ihren jüngsten Arbeiten von diesen Abhängigkeiten befreit und aus Häkelmaschen einen Makrokosmos entstehen lassen, der seinen eigenen Gesetzen folgt. Mit den übergroßen Formaten ihrer Häkelstücke schafft Krenkel Skulpturen, die über den reinen Objektbezug hinausweisen. So erreichen nicht nur die Wasserblasen und Feuerzungen, sondern auch die dornenbesetzten „Schlüpfer“ bei Krenkel skulpturale Dimensionen, die ihren Kunstcharakter betonen und geeignet sind, das assoziative Eigenleben ihrer gehäkelten Werke freizusetzen – vielleicht genau so wie die träumerischen und erotischen Phantasien des jungen Antoine, die durch etwas so vermeintlich Banales, wie gehäkelte Wollbadehosen in Gang gesetzt wurden.

Andrea Jahn, Leiterin der Stadtgalerie Saarbrücken


 

Zit.n. Katharina Krenkel, „Heimarbeit“, in: Katharina Krenkel, Heim, Herd & Hunde (Saarbrücken 1998) S. 61.

[...] nicht umsonst stülpte sie der ‚Vaterfigur‘ das Kostüm eines weiblichen, schwangeren Körpers über, um so seine phallische Macht der Lächerlichkeit preiszugeben.“ Zit.n. Andrea Jahn, Louise Bourgeois – Subversionen des Körpers (Berlin 1999) S. 237

Zit. n. Weyandt, a.a.O.

So die Künstlerin in einem unveröffentlichten Manuskript (2016).

Barbara Weyandt, „Häkeln im erweiterten Feld – Im Kosmos der Katharina K.“, in: Häkel-Labor – Soft Sculptures von Katharina Krenkel, [Ausst.Kat. Museum Tuch + Technik, Neumünster / Tuchmacher Museum Bramsche, 2015, o.S.

"Außen", Baumwolltricot, gehäkelt, Rosendornen, Stahlreif, 2016, 65 x 65 x 55 cm. Foto: Rich Serra"Innen", Baumwolltricot, gehäkelt, Rosendornen, Stahlreif, 2016, 65 x 65 x 55 cm. Foto: Rich Serra"Wolkenanglerin", Baumwolle, gehäkelt, gestärkt, Bambusstab, 2016, 110 x 65 x 60 cm. Foto Rich Serra"Horst I", Linoldruck, Offsetdruckfarbe auf Papier, 2016, 210 x 110 cm. Repro: Rich Serra"Bergehalde Ensdorf", Wollfaden auf Papier, gestickt, 2015, 30 x 40 cm. Repro: Rich Serra

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